Eine Villa in Leipzigs Nordwesten zeigt, wie Entsiegelung aussieht, wenn niemand auf etwas verzichten will
Es gibt Grundstücke, die verzeihen keine Standardlösung. Dieses gehört dazu.
Am Rand eines der ältesten Schutzgebiete Sachsens ist ein Wohnprojekt entstanden, das eine Frage beantwortet, an der Außenanlagen regelmäßig scheitern: Wie entsiegelt man ein Grundstück vollständig – ohne dass es hinterher nach Verzicht aussieht? Die Antwort liegt hier auf rund drei Zentimetern: eine fugenlose, wasserdurchlässige und voll befahrbare Fläche aus polyurethangebundenem Natursteingranulaten, deren Farbmischung es exakt einmal auf der Welt gibt. Eingebaut in zwei Tagen. Die Ziegel der Remise nebenan brauchten ein Jahr.
Wer im Nordwesten Leipzigs aus dem Villenviertel heraustritt, steht nach wenigen Schritten im Auwald. Nicht in einem Park, der so heißt – in einem echten Auenwald, einem der größten erhaltenen Hartholz-Auenwälder Mitteleuropas. Esche, Stieleiche, Ulme, darunter ein Auenlehmpaket von mehreren Metern Mächtigkeit, das die Flüsse hier über Jahrtausende abgelagert haben. Teile davon stehen seit über hundert Jahren unter Schutz; die ersten Beschlüsse zur Schonung des Leipziger Auwalds fielen bereits 1912 – lange bevor „Naturschutzgebiet“ ein geläufiger Begriff war.
Das Viertel selbst ist kaum jünger. Ab etwa 1880 legte das Leipziger Bürgertum hier, auf trockengelegtem Auenboden, eine Villenkolonie an – Fabrikanten, Verleger, später Professoren, ein Refugium im Grünen mit direktem Blick in die Baumkronen. Zu DDR-Zeiten arbeitete in einer der Straßen des Quartiers Bernhard Heisig, einer der prägenden Maler der Leipziger Schule, in seinem Atelier. Es ist, mit anderen Worten, eine Gegend, in der Individualität keine Marketing-Vokabel ist, sondern Ortsgeschichte.
Genau hier, an der Nahtstelle zwischen Villenkolonie und Schutzgebiet, wurde nun ein Anwesen fertiggestellt, dessen Außenanlagen ein Problem lösen mussten, das in dieser Kombination selten auftritt – jedoch immer häufiger auftreten wird.
Der Baugrund, der zurückdrückt
Auenboden vergisst nicht, dass er einmal Flusslandschaft war. Unter dem Viertel steht das Grundwasser hoch, und es steht nicht still: Seit die Stadt und die Naturschutzverbände daran arbeiten, dem austrocknenden Auwald wieder mehr Wasser zuzuführen – alte Flussläufe werden revitalisiert, Gräben wieder angebunden -, gehört eine auentypische Grundwasserdynamik ausdrücklich zum Ziel. Für den Wald ist das ein Segen. Für jeden, der nebenan baut, ist es eine Ansage: drückendes Wasser, von unten, dauerhaft.
Dazu kamen die Auflagen. Wer direkt an einem Schutzgebiet baut, bekommt die Wasserbilanz seines Grundstücks nicht als freundliche Empfehlung, sondern als Bedingung. Entsiegelung war hier kein Nice-to-have aus dem Nachhaltigkeitskapitel des Architektenordners. Sie war die Voraussetzung dafür, dass überhaupt gebaut werden durfte.
Die klassische Reaktion auf so eine Gemengelage kennt jeder Planer: Rasengittersteine, wassergebundene Wegedecke, Schotterrasen. Funktioniert, versickert, sieht aus wie ein Kompromiss. Der Bauherr wollte den Kompromiss nicht. Er wollte Flächen, die sich mit dem Anspruch des Hauses messen können – befahrbar bis vor die Garage, fugenlos, präzise, mit einer Anmutung, die zur Architektur gehört statt neben ihr zu stehen.
„Das geht nicht“ wäre die übliche Antwort gewesen. Sie wäre, wie sich zeigt, falsch gewesen.
Durchlässig von der Oberfläche bis in den Baugrund
Die Lösung ist ein Aufbau, der Wasser nicht bekämpft, sondern durchwinkt – in beide Richtungen gedacht. Zuunterst eine KFT-Schicht als lastverteilender, wasserdurchlässiger Unterbau. Darauf Dränbeton: ein offenporiger Beton, der trägt wie Beton und Wasser passieren lässt wie ein Kiesbett. Und als sichtbare Deckschicht 30 Millimeter bema PU-Asphalt® – semirunde Natursteingranulate, dauerhaft gebunden, offenporig, fugenlos, seidenmatt.
Die 30 Millimeter sind kein Zufall: In dieser Stärke ist die Fläche voll befahrbar. Einfahrt, Vorfahrt, Wege ums Haus – alles eine durchgehende Ebene, ohne Fugenraster, ohne Kantensprünge, eingefasst von präzise gesetzten Bändern aus Cortenstahl, deren warme Rostpatina die Flächen wie eine Zeichnung nachzieht.
Das Entscheidende passiert dort, wo man es nicht sieht. Regen, der auf diese Fläche fällt, bleibt nicht oben. Er läuft durch das Porengefüge zwischen den Granulaten, durch den Dränbeton, durch die Tragschicht, und kommt dort an, wo ihn dieser Boden seit Jahrtausenden erwartet: unten. Keine Pfütze, kein Oberflächenabfluss in den Kanal, keine hydraulische Barriere über dem Wurzelwerk der alten Bäume, die das Grundstück zum Wald hin säumen. Für die Wasserbilanz verhält sich das Anwesen, als wäre ein erheblicher Teil der befestigten Flächen gar nicht da.
Und weil die Fläche in beide Richtungen atmet, verliert auch das drückende Wasser seinen Schrecken: Wo nichts abdichtet, kann nichts aufschwimmen, nichts hochfrieren, nichts unterspült werden. Der Aufbau macht aus dem schwierigsten Standortfaktor einen Verbündeten.
Wer bei „Kunststoff im Außenbereich“ reflexhaft zusammenzuckt, darf übrigens beruhigt weiterlesen: Auf dieser Fläche liegt nichts Loses, nichts Gummiartiges, nichts, das der nächste Starkregen mitnehmen und in den Auwald tragen könnte. Was da liegt ist zu 95 % reiner Stein. Die Polyurethan-Matrix hält ihn dauerhaft im Verbund – sie ist das Bindemittel im Gefüge, nicht die Oberfläche. Abgestimmt ist das System auf genau solche sensiblen Lagen; eingebaut wurde es, wie immer bei diesem Material, von einem zertifizierten Fachbetrieb, den der Hersteller bema aus Pirmasens dafür ausgebildet hat.
Ein Jahr für die Ziegel, zwei Tage für die Fläche
Die vielleicht schönste Pointe des Projekts erzählt aber nicht die Technik, sondern der Terminkalender.
Das Haupthaus ist aus DDR-Ziegeln gemauert – Steine mit Geschichte, mit genau dem unregelmäßigen, warmen Rot, das kein Neubauklinker imitieren kann. Als für die Remise Nachschub in gleicher Optik gebraucht wurde, stellte sich heraus: Die Brennerei existiert nicht mehr. Also Individualanfertigung. Ein Ziegelwerk legte eine Sonderproduktion auf, die den historischen Steinen nachempfunden ist. Wartezeit: ein Jahr.
Die Außenflächen gingen den umgekehrten Weg, genauso individuell, nur ohne das Jahr. Die Farbmischung des Belags wurde eigens für dieses Grundstück entwickelt, Korn für Korn abgestimmt auf das Ziegelrot der Fassaden, das Grün des Gartens und den Rostton der Cortenstahl-Einfassungen: ein warmer, changierender Mix aus rötlichen, grauen und hellen Natursteinkörnern, der die Farben des Ortes aufnimmt, ohne sie zu kopieren. Diese Rezeptur existiert exakt einmal. Kein Katalogfarbton, keine Serienware – ein Unikat, angemischt nach dem Wunsch des Bauherrn, in einem Viertel, in dem schon Heisig Unikate schuf.
Eingebaut war die gesamte Fläche in zwei Tagen. Zwei Tage, in denen auf Dränbeton eine durchgehende, fugenlose Landschaft aus Wegen, Vorfahrt und Einfahrt entstand – während die maßgefertigten Ziegel der Remise zu diesem Zeitpunkt bereits zwölf Monate Vorlauf hinter sich hatten. Individualität, das zeigt dieses Projekt nebenbei, ist keine Frage der Wartezeit. Sie ist eine Frage des Systems.
Was die Fläche kann, wenn das Thermometer klettert
Der Sommer, in dem das Projekt fertig wurde, macht gerade sehr anschaulich, warum solche Flächen mehr sind als eine elegante Antwort auf Behördenauflagen.
Konventionelle dunkle Beläge sind thermische Speicheröfen: Sie laden sich tagsüber auf und geben die Hitze bis weit in die Nacht ab. Jeder, der schon einmal um 22 Uhr über einen Supermarktparkplatz gelaufen ist, kennt diesen Effekt. Eine offenporige Fläche verhält sich anders. Sie speichert nach Regen Restfeuchte im Porengefüge, und was verdunstet, kühlt. Sie versiegelt den Boden nicht, also bleibt der natürliche Wasserhaushalt unter der Fläche intakt – auch für die Bäume, deren Kronen hier bis über die Einfahrt reichen und ihrerseits Schatten und Verdunstungskühle liefern. Das Grundstück funktioniert an heißen Tagen als Teil des Auwald-Klimas, nicht als sein Gegenspieler.
Und wenn es dann regnet, was in diesen Sommern gern in Form von Starkregen geschieht, zeigt sich der zweite Effekt: Die Fläche nimmt das Wasser dort auf, wo es hinfällt. Kein überlaufender Kanal, keine Sturzbäche über den Gehweg, keine Rückstau-Diskussion mit der Versicherung. Was Städte gerade unter dem Stichwort Schwammstadt mühsam nachrüsten, ist hier schlicht eingebaut.
Bleibt der Alltag. Fugenlos heißt: kein Fugenraster, in dem sich Unkraut ansiedelt, kein jährliches Nachsanden, kein Hochdruckreiniger-Wochenende im April. Die Fläche wird benutzt, befahren, beregnet und bleibt, was sie ist.
Referenz mit Ansage
Für Architekten ist das Projekt aus einem einfachen Grund interessant: Es belegt, dass Entsiegelung, gestalterischer Anspruch und volle Nutzbarkeit keine drei konkurrierenden Ziele sind, zwischen denen man Prioritäten verteilen muss. Sie lassen sich in einem Aufbau übereinanderlegen – sprichwörtlich. Und für private Bauherren mit hohen Ansprüchen belegt es etwas, das im Markt der Außenanlagen selten geworden ist: dass „individuell“ auch wirklich individuell heißen kann. Bis hinunter zur Rezeptur des Korns.
„Der Boden hier will Wasser sehen. Also lassen wir es durch.“
Nachgefragt bei Dr. Marcel Becker, dem Erfinder von bema PU-Asphalt®
Herr Dr. Becker, was macht dieses Projekt für Sie besonders?
Die Kompromisslosigkeit auf beiden Seiten. Der Standort stellt Bedingungen, die härter kaum sein könnten: Schutzgebiet vor der Tür, hohes Grundwasser, das auch noch drückt, und Auflagen, die Entsiegelung nicht empfehlen, sondern verlangen. Und der Bauherr stellt, nachvollziehbarerweise, ebenso Bedingungen, die genauso hart sind: Es soll aussehen wie Maßarbeit, es soll befahrbar sein, es soll zum Haus gehören. Normalerweise gewinnt eine Seite. Hier haben beide gewonnen, und das sieht man der Fläche an.
Drückendes Wasser gilt vielen Planern als Ausschlusskriterium. Warum hier nicht?
Weil das Ausschlusskriterium eigentlich die Abdichtung ist, nicht das Wasser. Wenn Sie auf so einem Boden eine dichte Platte bauen, fangen Sie einen Kampf an, den Sie jedes Jahr aufs Neue führen: Auftrieb, Frost, Unterspülung. Unser Aufbau führt diesen Kampf gar nicht erst. KFT-Schicht, Dränbeton, offenporige Deckschicht – das System ist von oben bis unten durchlässig. Regen läuft durch, und Wasser von unten trifft auf keine Barriere, an der es Schaden anrichten könnte. Der Boden hier will Wasser sehen. Also lassen wir es durch.
Die Farbmischung ist ein Unikat. Wie muss man sich das vorstellen?
Weniger spektakulär, als es klingt, und genau das ist der Punkt. Naturstein gibt es in einer enormen Bandbreite an Farben und Körnungen, und weil wir die Granulate binden statt ihn zu schütten, können wir mischen, was der Bauherr sich wünscht. In diesem Fall haben wir die Rezeptur auf die DDR-Ziegel der Fassade und den Cortenstahl der Einfassungen abgestimmt – so lange, bis die Fläche aussah, als hätte sie schon immer zu diesem Haus gehört. Diese Mischung gibt es jetzt exakt einmal auf der Welt. Individueller wird es nicht. Es sei denn, Sie warten ein Jahr auf Sonderziegel, aber das hat der Bauherr ja schon hinter sich gehabt.
Stichwort Wartezeit: Zwei Tage Einbau klingen fast provozierend kurz.
Das höre ich öfter, meistens mit skeptisch hochgezogener Augenbraue. Aber kurz heißt ja nicht hastig. Der Unterbau stand, der Dränbeton war eingebracht und dann ist die Deckschicht in zwei Tagen eingebaut worden. Fast fugenlos, in Teilabschnitten, von einem Fachbetrieb, der dafür bei uns ausgebildet wurde. Wir stellen das Material her und zertifizieren die Betriebe, die es einbauen; verlegt haben wir hier nichts, das können andere besser. Die Geschwindigkeit steckt im System, nicht im Tempo der Kolonne. Für den Bauherrn heißt das: zwei Tage Baustelle statt eines ganzen Sommers.
In diesem Sommer diskutiert wieder das ganze Land über Hitze in den Städten. Welche Rolle spielen Beläge dabei?
Eine viel größere, als ihnen die meisten zutrauen. Wir reden bei Hitze über Dächer, Fassaden, Bäume – und stehen dabei auf dem eigentlichen Problem. Versiegelte dunkle Flächen speichern Hitze und lassen kein Wasser an den Boden, dabei ist genau dieses Wasser die Klimaanlage der Stadt: Verdunstung kühlt und Bäume können nur verdunsten, was ihre Wurzeln erreicht. Eine offenporige, wasserdurchlässige Fläche dreht beides um. Deshalb sage ich: Der Belag ist kein Detail am Ende der Planung. Er ist Klimatechnik, auf der man parken kann.
Und was kommt als Nächstes?
Mehr solcher Projekte und zwar nicht nur am Auwald. Die Bedingungen, die hier extrem sind, werden anderswo normal: strengere Wasserauflagen, heißere Sommer, Bauherren, die Verantwortung und Anspruch nicht mehr gegeneinander abwägen wollen. Wir haben für dieses Grundstück eine Rezeptur entwickelt, die es einmal gibt. Die Haltung dahinter lässt sich zum Glück beliebig oft wiederholen.
Über das Projekt: Privates Wohnanwesen im Leipziger Nordwesten, unmittelbar angrenzend an den geschützten Auenwald. Außenanlagen: fugenloser, wasserdurchlässiger bema PU-Asphalt® in objektspezifischer Unikat-Farbmischung, Schichtstärke 30 mm (voll befahrbar), auf Dränbeton und KFT-Schicht, Einfassungen aus Cortenstahl. Einbauzeit der Deckschicht: zwei Tage, ausgeführt durch einen von bema zertifizierten Fachbetrieb.
Die bema Bauchemie GmbH mit Sitz in Pirmasens ist Entwickler und Hersteller von bema PU-Asphalt®, einem festelastischen, wasserdurchlässigen Asphaltbelag für befahrbare und nicht befahrbare Flächen. Als Erfinder des PU-Asphalts verbindet das Unternehmen Materialwissenschaft, Bauingenieurwesen und praktische Anwendung. Über die bema Akademie werden Fachbetriebe europaweit geschult und zertifiziert.
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